Leben
Ibiza, Alstadt mit Burg
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Winter ade?

 

Das späte Lebensglück finden auf einer Finca mit Meerblick? Die Verlockung, den größten Teil des Jahres in Shorts, T-Shirt und Sandalen herumzulaufen? Die Tage unter strahlend blauem Himmel im Freien verbringen? Ibiza ist für viele ältere Semester die Trauminsel schlechthin. Die verführerische Atmosphäre des Mediterranen ist dort am reinsten, intensivsten zu erfahren.

Text: Rudolf John


Bezauberndes Ibiza


Ja, es gibt die Toskana, die Côte d’Azur, die restlichen Balearen. Aber wenn man das weit größere Mallorca im selben Archipel als paradiesischen Baum definieren könnte, ist Ibiza die kleine, köst­liche, wunderbare Frucht.
Was bezaubert angehende Bewohnerinnen und Bewohner vor allem? Auf der Insel lebt man eindeutig auf der Sonnenseite. Dieses überwältigende intensive mediterrane Licht, das nicht nur Maler so lieben und das einen schon begrüßt, wenn man Flugzeug oder Schiff verlässt. Lebt man im Westen, hat man fast täglich das sensationelle Schauspiel eines Sonnenuntergangs, dramatisch wie von William Turner gemalt, dem genialen Maler atemberaubender Seestücke. Der Osten der Insel gilt als familientauglicher, der Norden, einst Hippieland, ist einsamer, rauer, ursprünglicher.
Kein Ballermann
Überall betörende Düfte von Thymian, Rosmarin, Lavendel und Wacholder, welche auch im unvermeidlichen, meist im Restaurant gratis dargereichten Digestiv „Hierbas“ versammelt sind. Über hundert malerische und kaum überlaufene Buchten und Strände jenseits der touristischen Trampelpfade laden ein, die besonderen Landschaften kennenzulernen. Weitere Vorzüge sind die überschaubaren Entfernungen auf der Insel –, in kaum mehr als einer Stunde kann man die gesamte Insel mit dem Auto durchqueren.
Die laute Clubszene, vor allem von jugendlichen Gästen gestürmt, beschränkt sich auf wenige Plätze und zelebriert ihr schrilles Treiben eigentlich nur in der heißen Saison Juni, Juli und August. Einen grölenden Ballermann wie auf Mallorca gibt es auf Ibiza nicht.
Neben langen Küstenspaziergängen sind alle Möglichkeiten zu gesundheitsfördernder Tätigkeit gegeben. Der höchste Berg, der Sa Talaja, lädt zum Gipfelsturm zu Fuß und per Rad ein und belohnt dies mit einem überwältigenden Rundblick über die ganze Insel inklusive Formentera, ja, sogar bis zum spanischen Festland reicht das Auge.


Kultur und Geschichte


Bereits ein Spaziergang durch die romantische Altstadt Dalt Vila wird schnell zum lohnenden, aber schweißtreibenden Fitnessparcours, so steil sind die malerischen Gässchen und Treppchen. So lohnt sich der Aufstieg zum obersten Plateau des Burgbergs mit gotischer Kathedrale, Zitadelle und gigantischen Ausblicken über Hafen, Meer und benachbarte Inseln. Dort wird auch alljährlich das legendäre Mittelalterfest abgehalten und neben Folklore gibt es zahlreiche kulturelle Vergnügen wie Konzerte, ein Jazz- und ein Filmfestival.
Jahreszeiten und Klima
Bis Weihnachten ist das Klima meist angenehm, für viele sogar noch zum Baden. Der Frühling wiederum beginnt sehr zeitig, bereits im Februar ist die ganze Insel ein weißes Blütenmeer durch die vielen Mandelbäume. Das hat geradezu etwas hypnotisch Optimistisches wie die Kirschblüte in Japan. Zweitwohnsitzer und Pendler nützen oft die Monate zwischen Herbst und Frühjahr, um diese Zeit anderswo zu überbrücken, womöglich für einen Gesundheits-Check zu Hause. Leider ist gerade dies die Zeit, in der es keine Direktflüge nach Österreich gibt.
Gesunde Küche
Die zunehmend bio-bewusste Lebensmittelversorgung bietet vieles für ein gesundes Leben an, die spanische Küche mit einem Überfluss an Gemüse, Fisch und Olivenöl trägt das Ihre dazu bei. Oliven, Wacholder und Wein sind bereits seit dem Altertum vorhanden, Letzterer heute auch von erlesener Qualität. Die Auswahl an Restaurants jeder Preisklasse ist üppig und da die Einheimischen größtenteils erst ab 21 Uhr dinieren, ist für früh Abendessende immer genug Platz.
Schattenseiten im Paradies
Genau wie in menschlichen Beziehungen kristallisieren sich früher oder später Defizite und Schattenseiten heraus, die man zu akzeptieren oder aber zu verzeihen hat. Im Falle Ibizas sind das unter anderem der mühsame Umgang mit einer bleiernen Bürokratie, den vielen Behörden. Die Ignoranz und Arroganz der dort dominierenden Katalanen, welche auf ihrer eigenen Sprache bestehen und Spanisch gerade noch dulden. Nicht nur darin offenbart sich ein tiefer, fataler Riss in der spanischen Gesellschaft, der seit dem Bürgerkrieg nur übertüncht und oft durch ganze Familien geht, unverarbeitet heute noch weiter gärt. Ein Tabu, dem man besser aus dem Weg geht.


Vertrautes Umfeld


In der kleinen deutschsprachigen Community findet man seit Niki Laudas Lebzeiten vor Ort viele Österreicher, darunter etliche Prominente wie die Schauspieler*in Andrea Eckert und Heinz Marecek, die Autorin Elfie Donnelly, die mit ihren Kinderbüchern Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg zu Kultfiguren machte, sowie unter anderen auch Rosa Klein, Frau des bekannten Limonadenherstellers, die ein viel gerühmtes Yoga-Zentrum betreibt. Aber auch das Ehepaar Gerda und Janos sind langjährige Inselbewohner: „Wir leben gern hier, weil die Menschen auf Ibiza um Eckhäuser freundlicher und entspannter sind als in Mitteleuropa!“ 
Das Paar führt mit Tochter Claudia das beliebte Landhotel Calador mit Ausblick auf den mystischen Felsmonolith im Meer namens Es Vedra. Der war bereits zu einer Zeit touristische Attraktion, als Ibiza noch Kolonie der Phönizier, später dann der Griechen, Römer, Araber und schließlich der spanischen Könige war. Mehrere Zivilisationen haben hier ihr Erbe hinterlassen, unter anderem auch die trutzigen Rundtürme an den Küsten, von denen schon in der Antike die Bevölkerung vor Piraten gewarnt wurde.


Ein Ort zum Verlieben


In einen Ort kann man sich verlieben, wie in einen Menschen. Das Gefühl wird im Idealfall immer stärker und kann ein Leben lang anhalten. Magie lässt sich auch am „Puig des Molin“, der punischen Nekropole, erleben, wo man nur mit Helm in den aus dem Fels geschlagenen Grabstätten herumkraxeln darf. Im archäologischen Museum daneben läuft unter anderem ein spannender Film über die Bestattungsriten der Karthager. 
Eine besondere Atmosphäre erlebt man auch in Es Culleram. Faszinierende Vorstellung, dass vor über 1.500 Jahren Menschen hierher pilgerten, um in den Höhlen der Göttin Tanit zu huldigen. Vor allem Schwangere kamen aus der ganzen damaligen Welt und gebaren ihre Kinder vor Ort, weil es auf der Insel seinerzeit weder Schlangen noch wilde Tiere gab. Inzwischen wurden zwar Schlangen durch den Import von nicht autochthonen Bäumen eingeschleppt, aber man sieht sie nie. Dafür gibt es unzählige, zutrauliche Eidechsen, Geckos und sogar Podencos, edel aussehende Wildhunde, die sich allerdings rasch davonmachen, wenn man sich ­nähert.
Wie sagte mir neulich ein älterer Bewohner? „Ibiza hält die Menschen, die sich dem Geist der Insel verschreiben, einfach jung!“