Leben

Erzählen und zuhören im Erzählcafé

Interview: Gabriele Kuhn

Das Konzept der Erzählcafés gibt es schon länger. In den letzten Jahren erlebt es aber einen Boom. SEIN sprach mit Historiker Gert Dressel über das Phänomen.

Es war in den 1980er-Jahren, als in Österreich, Deutschland und der Schweiz erstmals „Erzählcafés“, lebensgeschichtliche Gesprächskreise oder Biografiegruppen angeboten wurden. Seither treffen sich Menschen, um aus ihren Lebensgeschichten zu erzählen und Erinnerungen mit anderen teilen. SEIN hat mit dem Historiker Gert Dressel gesprochen, der von Beginn an bei diesem Projekt dabei war und sich dafür engagiert, dass Menschen erzählen, zuhören und sich vernetzen. Über das Phänomen „Erzählcafé“ hat er vor Kurzem gemeinsam mit Prof. Johanna Kohn von der Hochschule für Soziale Arbeit ein Buch veröffentlicht.

Worum geht es bei der Idee des Erzählcafés?
Die Idee ist, einen niederschwelligen Ort anzubieten, der sich nicht Therapie nennt und auch keine Selbsthilfegruppe ist. Wo Menschen einander was erzählen und zuhören können. Wenn man erzählt und zuhört, ist man nicht im Argumentations- und Diskussionsmodus. Es geht nicht um die eine Wahrheit oder dass Entscheidungen gefällt werden. Im Mittelpunkt stehen die persönlichen biografischen Geschichten von Menschen, die erzählen wollen. Das ist freiwillig. Es geht auch darum, gehört und gesehen zu werden. Und über das Hören von Geschichten der anderen sich selbst zu reflektieren und zu orten. 

Wo findet das statt? 
Vor 30 Jahren begannen wir in einem Wiener Seniorenwohnhaus, auf Initiative des Sozialhistorikers Michael Mitterauer. Heute mache ich das zum Beispiel einmal pro Monat in der Wiener Hauptbücherei am Gürtel, ich bin auch beim Verein „Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen“ der Uni Wien. Da bieten wir Gesprächskreise im Wien Museum an. Es sind Orte, wo sich Menschen über ihre Geschichten austauschen können, wo nicht bewertet wird und die verschiedenen Wahrheiten so stehen bleiben. Wir haben alle etwas Unterschiedliches erlebt, abhängig davon, aus welchem Milieu ich komme, ob ich Mann, Frau oder divers bin, ob ich zugewandert bin oder schon immer hier gewohnt habe. Das sind unterschiedliche gesellschaftliche Erfahrungen, daher sind die Geschichten sehr unterschiedlich. Es gibt keine „Wahrheit“, es geht nicht um Daten und Fakten, sondern um Erfahrungen.

Das Projekt „Lebensgeschichtliche Aufzeichnungen“ existiert nach wie vor?
Ja, wir sammeln Lebensgeschichten, uns kann jede und jeder schreiben. Es muss gar nicht das ganze Leben sein, es reichen Passagen. So entstehen neue Quellen für Geschichtsforschung, im Sinne von Oral History.

Warum ist biografisches Erzählen wichtig?
Es heißt, Menschen sind Geschichtenerzähler. Es heißt auch, dass die Menschen in den vergangenen Jahren vor allem zu Erzählern über sich selbst geworden sind. Das hat damit zu tun, dass wir im Laufe unserer Biografie viele Brüche erfahren haben, was speziell für die Generation vor uns gilt. Als ich mit den Erzählcafés begonnen habe, waren Menschen dabei, die noch in der Monarchie geboren waren. Sie haben den Ersten Weltkrieg erlebt, die Zwischenkriegszeit, das Rote Wien und die Februar­aufstände 1934. Schließlich den Austrofaschismus und den Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg, die Nachkriegszeit und die Zweite Republik. Das sind enorme Brüche. Dann kam für viele der soziale Aufstieg, viele gesellschaftliche Prozesse haben sich enorm beschleunigt. Menschen, die heute 70 bis 90 Jahre alt sind, haben im Laufe ihres Lebens enorme Veränderungen erfahren. 

Das hat das Bedürfnis gesteigert, zu erzählen.
Richtig. Um sich noch einmal zu ordnen und von anderen gehört zu werden. Daraus entsteht Beziehung und Vertrauen sowie Akzeptanz für Unterschiedlichkeit. Erzählen und Zuhören kann ein Beitrag für gesellschaftlichen Zusammenhalt sein, über Generationen hinweg. Es werden Brücken gebaut, man kommt raus aus der Einsamkeit. Das kann etwas Stärkendes haben. 

Erzählen Sie selbst gerne, hören Sie gerne zu?
Als ich noch ein Kind war, hatte meine Mutter das große Bedürfnis, zu erzählen, das war untypisch für diese Generation. Ich habe ihr gerne zugehört, sie hatte so viel erlebt und so viel zu sagen. Das hat mich geprägt, es ist kein Zufall, dass ich das heute professionell mache. Meine Mutter ist seit 20 Jahren tot, doch ihre Geschichten leben in mir weiter.

Gut zu wissen

Gesammeltes Leben: 
Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Uni Wien. Ausgewählte Texte aus der Sammlung werden laufend in der Editionsreihe „Damit es nicht verlorengeht …“ im Böhlau Verlag Wien veröffentlicht


Angebot: 
Erzählcafés werden in allen österreichischen Bundesländern von unterschiedlichen Organisatoren angeboten. Seit Kurzem lädt auch der Regenbogen-Treff für Senior*innen und Freund*innen der LGBTIQ-Community 60plus zum Erzählcafé „Bonbonnière“ jeden letzten Freitag im Monat von 16 bis 18 h, etwa in der TürkisRosaLilavilla.
Infos: www.sorgenetz.at; www.netzwerk-erzaehlcafe.ch; www.kwp.at/pensionistenklubs/bonbonniere-das-erzaehlcafe


Bildung: 
Das Österreichische Institut für Biografiearbeit bietet Fortbildungen in Biografiearbeit sowie Seminare und Workshops zu diversen biografischen Themen. Info: www.biografiearbeit.org
 

Buchtipp
  

  • Erzählcafés. Einblicke in ­Praxis und Theorie Gert Dressel, ­Johanna Kohn, Jessica Schnelle (Hrsg.), Verlag Beltz
  • Was wirklich zählt, ist das gelebte Leben: Die Kraft des Lebensrückblicks Verena Kast, Kreuz Verlag